25 Jahre Abitur oder Wenn aus Ernst Spaß wird

Für meine Nichte, das i-Dötzchen

Im Haus meiner Schwester posiert meine Nichte für ein Foto. War die nicht gerade erst geschlüpft?! Jetzt ist sie fein herausgeputzt, in einem Kleid passend zu ihrer Schultüte. Stolz sieht sie aus, und glücklich. Wie sich herausstellt, hält das nur ein paar Tage an, dann fließen die ersten Tränen. Hausaufgaben doof. Freundin auch, bisweilen. Überhaupt: Schule! Wer sich das ausgedacht hat! Kurz und gut: Sie begegnet dem Ernst des Lebens – oder dem, den sie dafür hält. Aber hinterher ist man ja immer klüger…

Vom Ernst des Lebens ereilt: Der Welt süßestes i-Dötzchen
Vom Ernst des Lebens ereilt:
Miss i-Dötzchen 2017

Etwa zur gleichen Zeit, einige 100 Kilometer entfernt. Mit Ernst hat man hier bereits des Öfteren ein eben solches Wörtchen geredet. Gerade heute schaut er mal wieder vorbei und macht beim Anblick meiner Nichte mit Schultüte einen auf sentimental. Weißt du noch, damals…? Oh ja, antworte ich, ich weiß es noch allzu gut…

Der Ernst des Lebens beginnt…

Damals, als ich die vielen Bücher in den neuen Schulranzen packte. Ulli, der Fehlerteufel. Ein Federmäppchen mit Füller! Schwinghefte!! Als meine Mutter mir den Ranzen auf- und ich mich spornstreichs auf den Hintern setzte. Fortan griff sie immer beherzt ein, in den Trageriemen des Tornisters, wenn wir bergauf über die Brücke zur Schule marschierten…

Ich weiß noch, wie ich meine Schultüte bekam. Sie war so groß wie ich und mit lauter tollen Sachen gefüllt. Meine Mutter hatte sie selbst gebastelt, mit meinem Namen beklebt und liebevoll verziert. Vergangenen Herbst fand ich sie ganz hinten oben im Wandschrank meines alten Kinderzimmers (nicht meine Mutter, die Tüte!). Sie schien nicht mehr ganz so groß. Und deutlich flacher. Ernst hatte es sich offenbar darauf bequem gemacht, während wir das Elternhaus für den Verkauf vorbereiteten…

Meine Schultüte, gebastelt von meiner Mutter als offizieller Startschuss in den Ernst meines Lebens
Meine alte Schultüte, von meiner Mutter liebevoll selbst gebastelt.

Mit Mathe auf Kriegsfuß

Ich muss an meine Mathelehrerin aus der zweiten Klasse denken, eine gestrenge ältere Dame mit grauem Dutt, der ich eines Morgens bang eröffnete „Immer, wenn ich Sie sehe, wird mir schlecht…!“ Wie sie sich zu mir im Schulflur auf die Heizkörper setzt und mich freundlich anschaut. Zur nächsten Weihnachtsfeier überraschte sie uns mit einem Zauberer. Ich hatte sie wohl die ganze Zeit falsch eingeschätzt…

Dann kam der Umzug. Die Freunde zurücklassen, die gewohnte Umgebung, die mir Sicherheit gegeben hatte. Nur Ernst klebte mir weiter am Hacken. Und Mathearbeiten hatten die Rechnung ohne mich gemacht. Wenn mein armer Vater bei dem Versuch, mir geduldig die Textaufgabe zu erklären, nach gefühlt einer Stunde den Satz mit „Schätzelein…“ begann, wusste ich: Der Sonntag ist im Arsch…!

Ausgerechnet Hemel Hempstead…

Gymnasium. Spannend. „Little Boxes on the Hillside…“ sangen wir zur Gitarre meines Klassenlehrers in der „Orientierungsstunde“, in der wir auch regelmäßig die Beiträge aus dem „Kummerkasten“ diskutierten, den Ernst aufgehängt hatte. Warum man nicht an der Wand Handstand machen durfte, zum Beispiel. War echt doof und nicht nachvollziehbar…

Die „Gang“ aus dem Englischbuch kam übrigens aus Hemel Hempstead. So wie gut zehn Jahre später mein damaliger Freund. Hemel Hempstead, you bellybutton of the world! Was hab ich gelacht. Bis ich dort durch den Kreisverkehr musste…

Der Alltag bis zum Abi

Tja, die Schule. Immerhin: keine Waffen, keine Drogen, keine Schläger! Nur ein paar Quälgeister. Bleibt also das übliche Hickhack: Manche Lehrer nett, andere doof. Manche aus der Stufe ebenso. Die einen leiden. Andere lachen. Naturgesetz. Dicke Haut, dünne Haut. „Der hat aber…“ Ich kenne meine Pappenheimer und sie mich. Denke ich. Ernst lächelt in sich hinein…

Vorspulen zum Abi. Zur Beruhigung: In Mathe habe ich dann doch noch die Kurve gekriegt. Glaube, es war Sinus. Obwohl es vor Arbeiten immer noch ordentlich gegrummelt hat im Bauch. Aber wenn’s nur das ist… Ich weiß noch, wie meine Mutter am Abend vor der allerletzten Französischklausur mal wieder eingriff. Ein Spaziergang sollte mich auf andere Gedanken bringen. Diesmal hielt sie mich dabei jedoch innerlich hoch, nicht am Ranzen.

Postkarte aus den USA: Das Leben liegt vor dir!
Aufmunterung von nah und fern… Das Leben liegt vor dir!
Die mündliche Prüfung ist auch geschafft...
Erleichterung nach der mündlichen Prüfung: geschafft… hoffentlich!

Dann hatte ich das Ding endlich im Sack und dachte: Das Leben beginnt, jetzt wird alles besser! Während Ernst den Sekt öffnete, rückte er damit raus, dass die ganze Nummer bis hierhin ein Zuckerschlecken gewesen war…

25 Jahre später…

Nun reißt er mich aus meinen Gedanken und überreicht mir eine Einladung. Von Torsten.* (Torsten und der Ernst meines Lebens waren an der Schule übrigens “so“ – Sie wissen schon, diese Mittel-über-Zeigefinger-kreuzen-Geste…). Er lädt ein zur Sause. 25 Jahre Abitur. Und ich habe diesen Aschenbrödel-Moment. Die Damen werden das kennen: da wo sie vor dem Ball das Treppengeländer abzählt und sagt „Mach ich’s – mach ich’s nicht…“ Aber bei mir ist es nicht wegen eines Prinzen. Mehr so allgemein.

Na gut, ich mach’s. Meine Freundin reist an und wir gemeinsam weiter an den Ort unserer Schulzeit. Vorsichtig aschenbrödeln wir uns zur Party. Ach guck, die Pappenheimer sind auch schon da… Na, wir können ja immer noch gehen, wenn’s komisch wird.

Aus Ernst wird Spaß

Doch, Überraschung! Was sich schon zum 20-jährigen angekündigt hatte, wird jetzt noch viel deutlicher: Wir sind erwachsen geworden, reifer. Wir arbeiten punktuell was auf und sind einfach nur froh und dankbar, dass es uns gibt. Dass da eine Konstante ist, ein Anker in eine Zeit, in der – eigentlich – alles gut war.

25 Jahre Abitur
Was für ein großartiger Abend! Dank an Stephan für das Foto

Um fünf Uhr früh gehen die Letzten widerwillig nach Hause und jemand sagt: „Irgendwie waren wir blöd. So viel Spaß hätten wir früher auch schon haben können.“ Stimmt. Aber besser spät als nie. Das gilt auch in Bezug auf mich und Torsten, der mich jetzt sogar besuchen will und sich freut, dass wir uns endlich kennenlernen. Dito. Und dann wird mir klar: Ich kannte meine Pappenheimer gar nicht. Die wollten nur spielen! Und ich war irgendwie uncool…

Ernst nickt zufrieden und würde mir das Reifezeugnis am liebsten gleich ein zweites Mal ausstellen.

Also, mein Nichten-Schatz. Wenn du wieder einmal wegen der Hausaufgaben weinst oder weil deine Freundin nicht wie sonst morgens vor der Haustür wartet, oder jemand doof zu dir ist, lass dir gesagt sein: im Großen und Ganzen alles Peanuts. Genieße die Zeit. Trau dich. Wachse an deinen Aufgaben (auch denen mit Text). Tritt Ernst in den Hintern und keep cool.

Ich hab dich lieb.

*Name von der Redaktion nicht geändert. Er hat es verdient 😉

Emotionen bleiben im Kopf

Wie hat Ihnen die Geschichte gefallen? Hat sie Sie bewegt? Zum Nachdenken gebracht oder Erinnerungen wachgerufen? Konnten Sie sich wiederfinden in dem, was ich geschrieben habe? Wenn ja, dann freue ich mich sehr. Denn dann wäre dies der perfekte Text – einer, der Bilder im Kopf malt, Emotionen weckt und dadurch nachhaltig ist. Schreiben Sie mir gerne in die Kommentare, was der Text bei Ihnen ausgelöst hat!

Auch in Ihrem Unternehmen gibt es sicher Geschichten mit Gefühl. Humorvolle Begebenheiten, die bei Ihren Kund*innen ein Schmunzeln auslösen würden? Werte, mit denen sie sich identifizieren können und die Sie zum starken Partner machen. Also schreiben Sie darüber! Wenn der Ernst des Lebens Sie daran hindert und Sie Hilfe brauchen, unterstütze ich Sie gern und schreibe Ihren Text mit Persönlichkeit!

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6 Comments

  1. Antworten
    Françoise 16. November 2017

    Einfach nur schööön! Vielen Dank für diesen schönen Text, der einem so aus dem Herzen spricht und ein Lächeln auf’s Gesicht zaubert!

    • Antworten
      Christine Piontek 16. November 2017

      Liebe Françoise, ich danke dir sehr für diese Rückmeldung und freue mich, dass der Text diese Reaktion bei dir ausgelöst hat. Das ist so schön zu hören. Ich sende dir liebe Grüße

  2. Antworten
    Olli the RUNNING HERO 20. Oktober 2017

    Super Bericht! Es fehlt nur noch ein Auszug aus dem Abibuch. Da sind schöne Bilder von Dir und der Stufe drin!

    • Antworten
      Christine Piontek 20. Oktober 2017

      Hi Olli, danke dir! Ja, ich habe im Zuge des Schreibens viele wunderbare Bilder gefunden, z.B. auch vom letzten Schultag. Ich habe auch Fotos bekommen, die andere im eigenen Fundus hatten und ich freue mich sehr über die vielen positiven Rückmeldungen hier wie auch auf Facebook und in persönlichen Nachrichten.

  3. Antworten
    Monika 19. Oktober 2017

    Sehr schön geschrieben und mir aus der Seele gesprochen. Danke dafür, dass wir gemeinsame Zeiten hatten. Und dass auch ich quasi ein klitzkleiner Teil deiner Geschichte sein darf…
    Aber mal ehrlich…. Hemel Hampstead??? Da bist du in echt hin gefahren?

    • Antworten
      Christine Piontek 19. Oktober 2017

      Ja Monika, und ich habe bis heute liebe Freunde dort. Es war wohl einfach Schicksal 😉 Hab vielen Dank für das schöne Feedback!

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