Geschichten einer Seereise, Teil 2

Das Leben an Bord

Auch eine Texterin braucht mal Urlaub. In diesem Fall ergab er sich ganz kurzfristig, und so änderte ich spontan meine Weihnachtspläne mit der Familie, um über Funchal in die Karibik zu reisen. Drei Wochen auf dem Schiff mit nicht weniger als neun Seetagen – da würde ich sicher viel Zeit im Liegestuhl verbringen. Ich packte also mehrere Romane ein, nahm ein dickes Notizbuch mit, in dem ich Gedanken für mein eigenes großes Schreibprojekt festhalten wollte, und den Laptop für die Jahresplanung. Und was habe ich gemacht? Eine Stunde im Liegestuhl gesessen – höchstens! Und ein halbes Buch gelesen.* Man kommt ja zu nix! Das Leben an Bord hält einfach zu viele Verlockungen bereit…

Modell der MS Albatros in der Karibik Lounge des Schiffs
Modell der MS Albatros

Ein typischer Tag auf See

Die Tage auf einem Kreuzfahrtschiff verlaufen stets nach dem gleichen Muster. Routine ist schließlich wichtig. Sie entlastet unser Gehirn, spart Zeit und Energie, reduziert Stress. Erprobte und verlässliche Abläufe sind aber auch eine solide Basis, um Neues zu wagen. Und damit ist das in seinem Grundgerüst immer gleiche Programm an Bord gewissermaßen der Kompass, der einen entspannt auf Kurs hält, während man sich auf Entdeckungsreise begibt. Es gibt fünf Säulen, die das sorgsam geplante Gebäude stützen:

1. Speis und Trank

Die wohl wichtigste Routine an Bord eines Kreuzfahrtschiffs ist das Essen. Mahlzeiten halten hier nicht nur Leib und Seele zusammen, sondern können sogar die Uhr ersetzen:

„Was, schon kurz nach vier?!“
„Wie, echt jetzt?“
„Ja! Restaurant ist auf und es gibt Torte…!“

Das Leben an Bord wurde durch die Essenszeiten getaktet: Um 6:30 Uhr gab es draußen Kaffee und Gebäck für Frühaufsteher, gefolgt vom regulären Frühstücksbüfett von 7 bis 9 Uhr im Restaurant, danach an Deck noch Langschläfer-Frühstück bis 10 Uhr. Es folgte eine Umbaupause, bis dort um 11 Uhr für eine halbe Stunde Bouillon und Kaltschale serviert wurden. Manchmal gab es auch ein Themenbüfett, das für einen beinahe nahtlosen Übergang ins Mittagessen sorgte. Das wurde drinnen zwischen 12:30 und 13:30 Uhr serviert, draußen auch bis 14 Uhr.

Am Nachmittag öffnete um 16 Uhr das Kuchenbüfett, für eine Dreiviertelstunde. Hatte man dieses Zeitfenster verpasst, war es verdammt lang bis zum Abendessen um 19 Uhr, und der Aperitif eine Stunde zuvor konnte dann auch schon mal richtig reinhauen… Wer es bis 20:30 Uhr aus irgendwelchen Gründen nicht geschafft hatte, feste Nahrung aufzunehmen, griff zwischen 22 und 23 Uhr zum Mitternachtssnack – oder musste hungrig ins Bett.

Versüßten uns das Leben an Bord: Desserts und Obst beim Büfett an Deck der MS Albatros
Die Verlockungen beim Büfett versüßten das Leben an Bord. Das Auge aß mit.

Wenn Sie jetzt denken, hihi, sehr ironisch der letzte Absatz: weit gefehlt! Nur böse Zungen behaupten, man würde angesichts der Rundumversorgung an Bord permanent essen und auf so einer Reise mehrere Kilos zunehmen. Ich halte dagegen, man braucht so ein üppiges Nahrungsangebot, um nicht zu verhungern! Nur mit Mühe und Not gelang es mir, während der drei Wochen mein Gewicht zu halten. Und das lag nicht daran, dass es mir nicht geschmeckt hätte. Im Gegenteil, das Essen war vorzüglich! Aber da waren eben auch noch die vielen anderen Programmpunkte, die einen gehörig auf Trab hielten…

2. Sport

Ein großer Teil des Lebens an Bord entfiel auf den Sport. Wer in Bewegung bleiben wollte, konnte nicht nur den Fitnessraum aufsuchen, sondern auch auf das Kursprogramm von Franky zählen. Stets gut gelaunt und nicht zu überhören, hielt der agile Animateur die Passagiere in Form und trainierte mit ihnen in bis zu sechs halbstündigen Einheiten pro Tag: zwei morgens, zwei am Vormittag und zwei am Nachmittag.

Bereits um 7 Uhr ging es auf dem gut besuchten Sportdeck los mit „Fit in den Tag“. Es folgte „Gymnastik an der Reling“. Irgendwann ab 10 Uhr wurden drinnen Matte an Matte verschiedene Körperpartien trainiert. Nachmittags hieß es dann zum Beispiel „Stretch & Relax“ oder „Walk a Mile“. Und es gab tatsächlich eine ganze Reihe Sportbegeisterte, die das volle Programm knallhart durchzogen.

Punktuell wurden die Einheiten von Franky durch Tanzkurse mit Maria ergänzt. Auf den Wiener Walzer in Vorbereitung auf Silvester folgte Line Dance. Eine sehr spaßige Angelegenheit, kann ich Ihnen sagen! Versuchen Sie mal, ein halbes Dutzend Frauen in zwei Reihen versetzt in einer gegenläufigen Choreographie zu koordinieren – vor allem bei Seegang…

3. Spiel

Wer weniger für Sport, dafür aber fürs Spielen zu haben war, hatte hierzu mindestens fünf Mal am Tag Gelegenheit. Die Schnittmenge aus beidem gab es mit Dart oder Shuffleboard. Kartenspieler kamen beim Skat oder Bridge auf ihre Kosten. Aber auch Brettspiele standen hoch im Kurs. Von Mensch ärgere dich nicht bis Backgammon war alles dabei.

Worum es sich bei dem „Aperitifspiel“ handelte, das vor dem Mittagessen angeboten wurde, ist mir nicht bekannt. Meine Intuition sagt mir aber, es war kein Bier Pong – obwohl es eine Tischtennisplatte gab. Ich weiß nur eines: Täglich um 17:30 Uhr wurde Bingo gespielt – eine verlockende Möglichkeit, zum Einsatz von fünf Euro die Urlaubskasse aufzubessern.

4. Spannung

Zur Weiterbildung gab nicht nur Lesungen zumeist heiterer Gedichte von Ringelnatz, Kästner und Roth, sondern auch täglich zwei Vorträge. Vormittags sprach ein erfahrener Lektor zum Beispiel über Dinge wie Piraterie, Umwelt- und Wetterphänomene oder gab einen sehr informativen Zweiteiler über den Bau des Panamakanals zum Besten. Der Nachmittag, der von einer Kollegin bestritten wurde, stand dann ganz im Zeichen der Gesundheit. Medizinische Themen wie Homöopathie, die Wirkungsweise von Schüsslersalzen oder die Bekämpfung von Kopfschmerz und Migräne zogen die Reisenden wohldosiert in ihren Bann.

5. Showtime

Das Leben an Bord wurde auch bereichert durch verschiedene Künstler mit festen Einsatzzeiten. Da war zum einen der Pianist, der zum Aperitif ganz oben in einer kuscheligen Bar virtuos in die Tasten des Flügels griff und bei einem zweiten Einsatz nach dem Abendessen wacker die Stellung hielt. Dann nämlich wurde die Showlounge drei Decks tiefer zum Epizentrum der Unterhaltung. Erst stimmte eine schmissige Band auf das Hauptprogramm ein, dann kam der moderierende Zauberer und kündigte entweder das vierköpfige Showensemble an oder wechselnde Künstler, die jeweils für kurze Zeit den festen Kern ergänzten.

Das Showensemble auf der MS Albatros auf der Fahrt in die Karibik im Januar 2020
Das großartige Showensemble: Maria Diaz (hinten), Anne Becker, Maria Moncheva, Nadine Wolthausen (vorne, von links)

Zu vorgerückter Stunde spielte ein Trio in einer weiteren Bar Latinorhythmen, Swing und Jazz. Noch später übernahm der DJ. Und dann war da noch der Alleinunterhalter. Was soll ich sagen… Er leitete auch den Chor der Sangeslustigen und war ein netter, relaxter Typ mit einer gar nicht mal so kleinen, loyalen Fangemeinde. Andererseits gab es an Bord auch viele Menschen, die schlecht hörten. Aber was macht das schon, so lange man Spaß hat?!

Tinis Leben an Bord und ein paar Highlights

Sie merken schon, es gab reichlich zu tun. Ich habe aber natürlich nicht alle beschriebenen Programmpunkte mitgemacht. Das wäre wegen parallel stattfindender Veranstaltungen auch gar nicht gegangen. Ich bin ja nicht Hermine und im Besitz eines magischen Anhängers, mit dem ich durch die Zeit springen kann…

Mein typischer Tag bestand aus Frühsport an Deck und/oder im Fitnessraum, Tanzen und Singen, einem Nickerchen und unterhaltsamen Gesprächen mit Mitreisenden. Hin und wieder rief auch die Arbeit in Form einiger E-Mails, oder ich las tatsächlich ein paar Seiten in meinem Buch. Einmal gönnte ich mir eine Pediküre, ein anderes Mal hörte ich mir einen Vortrag an. Ich war damit beschäftigt, dass mir nicht schlecht wurde. Auch suchte ich das Meer nach Walen, Tümmlern und fliegenden Fischen ab, sah keine und relaxte zu den Klängen des Pianos. Und wenn es passte, aß ich einen Happen.

Eine Speisekarte der MS Albatros zum Abendessen
Nur mal so als Beispiel: So sah das Abendessen an dem Tag aus, als wir den Panamakanal durchquerten. Lecker war es immer, und die Kellner machten einen tollen Job.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Fixstern bei den Mahlzeiten war im Prinzip nur das stets ganz wundervolle Abendessen, bei dem wir mit den beiden netten Paaren an dem uns zugewiesenen Tisch die Erlebnisse des Tages austauschten. Das ergänzte sich gut. Der eine war beim Vortrag gewesen, während die andere zu berichten wusste, dass schon wieder dieselbe Person beim Bingo abgeräumt hatte. Der Dritte erzählte vom Sport oder gab eine Einschätzung zur Lyriklesung.

So flossen die Tage schon bald ineinander und vermengten sich. Gott sei Dank bekamen wir einen Plan auf die Kabine, an dem ich mich orientieren und das Datum ablesen konnte, wenn ich mir mal wieder unsicher war, ob morgen eigentlich schon heute und vorgestern vielleicht doch gestern gewesen war. Besondere Aktivitäten wie ein Kussmund-Wettbewerb im Bordshop oder ein Themenbuffet wie der karibisch-bayrische Frühschoppen mit Weißwurscht boten da wertvolle Anhaltspunkte.

Das Leben an Bord braucht Routine und Highlights. Auszug aus dem Tagesprogramm vom 1. Januar 2020
Das mit dem Kussmund-Wettbewerb habe ich mir nicht ausgedacht! Auch er gehörte zum Leben an Bord.

Auf Fragen wie „Wann haben wir uns nochmal achtern mit Heidi unterhalten?“ konnte die Antwort dann zum Beispiel lauten: „Das muss vorgestern gewesen sein, denn wir sprachen darüber, dass mir der pinke Lippenstift nun rein gar nicht stand und ich beim Küssen auf dem Bewertungsbogen ausgeglitten war. Außerdem gab es gestern draußen Spanferkel und wir waren deshalb im Sportraum!“

Überhaupt: die Sonderprogrammpunkte. Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel. Die Routine wurde durchbrochen für Neues und Einzigartiges, das besonders in Erinnerung blieb. Deshalb hier noch ein paar Highlights aus dieser Sparte.

1. Die Bord-Olympiade

An einem Vormittag auf hoher See trafen sich vier Teams zu einem Wettstreit am Pool: Gäste, Offiziere, Crew und die Reiseleitung traten gegeneinander an, während Franky moderierte. Wir hatten ein schattiges Plätzchen ergattern können und erfreuten uns nun an Spielen wie der Hula-Hoop-Laola, Handtuchauswringen und Teebeutel-Weitwurf.

Wer hat am schnellsten den Eimer voll? Eines der Spiele bei der Bord-Olympiade, bei dem die Teams ein nasses Handtuch nach hinten reichen und auswringen mussten. Franky moderiert.

Klingt völlig banal? Ist es auch. War aber trotzdem lustig. Vor allem, wenn der Teilnehmer zunächst sorgfältig seine Position justiert, einen angefeuchteten Teebeutel am Papierchen zwischen die Zähne klemmt, akribisch schwenkt, um Schwung zu holen und das Wurfgeschoss möglichst weit nach vorne zu schleudern – und ein blödes Gesicht macht, weil der Beutel dann plötzlich verschwunden ist. Lag daran, dass man auf dem Rücken keine Augen hat. Oh Tücke des Objekts.

Spaßig auch, wenn der Kreuzfahrtdirektor höchstpersönlich vorher vollmundig sportliche Höchstleistungen verspricht und dann beim Wettkampf leicht, wenn auch sehr charmant verkackt. Gewonnen haben dann nämlich die Offiziere – das erste Mal in der Geschichte der Bord-Olympiade. Ich glaube, auf dem Schiff haben wir selten so gelacht wie an diesem herrlich sonnigen 2. Januar 2020.

Das Leben an Bord war ausgesprochen lustig: Das Team des Reiseveranstalters versucht, den Hula-Hoop-Reifen durchzugeben, ohne dabei die Hände loszulassen. Am Mikrofon: Sportskanone Franky
Den Hula-Hoop-Reifen durchgeben, ohne dabei die Hände loszulassen… Am Mikrofon: Sportskanone Franky

2. Hinter den Kulissen

Während die Gäste das Leben an Bord genießen, läuft die Organisation im Hintergrund wie ein Uhrwerk. Unzählige gute Geister arbeiten, oftmals ganz und gar unbemerkt, für das Wohl der Passagiere. Auf unserem Schiff – mit einer Kapazität von gut 800 Betten fast schon familiär – wuselten während unserer Reise etwa genauso viele Crewmitglieder wie Urlauber herum. Die meisten davon kamen aus Indonesien oder von den Philippinen.

Einer von ihnen war unser zauberhafter Kabinenstewart. Ivan war unermüdlich im Einsatz, damit wir es sauber und gemütlich hatten und es uns an nichts mangelte. Dabei lächelte er stets und war guter Laune, obwohl er seine Familie und die beiden kleinen Kinder schon seit vielen Monaten nicht gesehen hatte. Ja, Ivan war ein Highlight. Jeden Tag aufs Neue. Ich danke ihm sehr und hoffe, es geht ihm gut – genau wie seinen Kollegen.

Und wo ich schon dabei bin: Dank auch an die Kellnerinnen und Kellner, die uns jeden Wunsch von den Augen ablasen und irgendwann genau wussten, was ich gerne trank, egal, wo ich gerade saß. Die niedliche Frage „Hat gemunden?“ beim Abräumen der Teller nach dem Abendessen wird mir ebenfalls noch lange in guter Erinnerung bleiben.

Die Bordküche

Nachdem ich eine Weile beobachtet hatte, wie präzise alle Handgriffe ausgeführt wurden, wie reibungslos die Abläufe vonstatten gingen, begann ich mich zu fragen, wie es wohl in der Bordküche zuging. Zu gerne hätte ich dort einmal hineingesehen. Umso mehr freute ich mich, als ich tatsächlich Gelegenheit zu einer Besichtigung bekam. Der Küchenchef persönlich nahm uns mit auf eine Tour und gab uns spannende Einblicke in die einzelnen Posten und die Herausforderungen, die das Kochen für so viele Menschen mit sich bringt – und das beinahe rund um die Uhr.

Die Küchenbesichtigung: Der Küchenchef (Mitte) und einer seiner Souschefs (rechts), der als "Omelette-Man" in die Geschichte eingehen wird. Beim Frühstück draußen auf Deck war er nämlich für die Eierspeisen zuständig. Und ja, er war immer so gut drauf!
Der Küchenchef (Mitte) und einer seiner Souschefs (rechts), der als „Omelette-Man“ in die Geschichte eingehen wird. Beim Frühstück draußen auf Deck war er nämlich für die Eierspeisen zuständig. Und ja, er war immer so gut drauf!

Die Brücke

Außerdem durften wir an einem Vormittag auf die Brücke, wo ich auch meinen „Leute-wir-haben-Seegang-also-hängt-die-Kotztüten-raus“ Kollegen kennenlernte, besser bekannt unter dem Namen Wackeldackel. Er hielt die Stellung und behielt uns genau im Auge, während wir interessiert die nicht enden wollenden Knöpfe, Hebel, Rädchen und Messgeräte unter die Lupe nahmen und ich mich fragte: „Wo ist eigentlich der Kapitän?“ Wahrscheinlich hatte der sich mit den Worten „Wackeldackel, Sie haben die Brücke“ das Hemd strammgezogen und war vorübergehend ins Zehn Vorne abgetaucht (für alle Nicht-Trekkies: in die Offiziersmesse).

3. Das Gäste-Cabaret

Den Chor und die Line-Dance-Gruppe habe ich bereits erwähnt. Beides hatte ich aus Neugier ausprobiert, war jedoch beim Chor nach zwei etwas chaotischen Proben wieder ausgestiegen. Die Lieder, die von Wind, Wellen und der Liebe der Matrosen berichteten, gingen mir allerdings noch wochenlang durch den Kopf…

Auch das Stück, zu dem wir unseren Tanz probten, hatte durchaus das Zeug zum Ohrwurm. Allerdings waren wir so auf die Koordination unserer Arme und Beine konzentriert, dass dieser Umstand in den Hintergrund rückte. Maria hatte uns nämlich eröffnet, dass wir den sorgsam choreographierten Line Dance beim Gäste-Cabaret aufführen würden – eine Ankündigung, die in meinem Kopf die folgende Kettenreaktion in Gang gesetzt hatte:

Halt! Hat sie gerade Gäste-Cabaret gesagt?
Eine Show von Gästen, für Gäste?
Hahaha!
Nee, is klar!
Dachte, sowas gibt es nur im Film…

Who’s this hula hana of Kamana Whala Hula Bayyyy?
[…]
Oh, you can waggle all you wanna while I hula all the day away…
Away – awayyy – AWAYYYYY!

Lisa Houseman in “Dirty Dancing” – Song von Jane Brucker and Kenny Ortega

Erster Anlauf: Ausweichmanöver

Die Show war für den 10. Januar angesetzt, einen Seetag auf dem Weg nach Costa Rica. Wer den ersten Teil der Geschichten einer Seereise gelesen hat, denkt jetzt vielleicht: „Moment, da war doch was?!“ Richtig. Wir waren dabei, ein Unwetter zu umfahren. Aus unserer Nummer wären wir nur noch sauber rausgekommen, hätten wir statt eines Line Dance den Schwänzeltanz der Honigbiene aufgeführt. Die Reiseleitung hatte ein Einsehen und ließ uns vom Haken. Vorerst…

Ich frohlockte und freute mich auf das Alternativprogramm. Die Crew-Show wurde vorgezogen. Nun sprang die wetterfeste Besatzung ein, die ebenfalls etwas eingeübt hatte und eigentlich am folgenden Abend hätte auftreten sollen. Ich war gespannt, hatte ich doch Wiederholungstäter unter den Mitreisenden vom komödiantischen Talent der Reiseleitung schwärmen hören und von liebevoll einstudierten tänzerischen Darbietungen.

Die Vorschusslorbeeren waren berechtigt gewesen. Hier wurden nicht nur die Lachmuskeln strapaziert. Die Küchencrew samt Chef tanzte, es gab einen Kellnerchor und Ivans Kollege vom Kabinenservice, der ebenfalls auf unserem Flur arbeitete, erwies sich als Solo-Gesangstalent. Ein Teil der Besatzung aus Indonesien hatte sich zu einem Orchester zusammengeschlossen und spielte Stücke mit einem traditionellen Instrument, dem Anklung.

Bei der Crewshow wurden auch traditionelle Instrumente gespielt. Das Angklung ist jeweils auf eine bestimmte Note bzw. einen Akkord gestimmt.
Bei der Crewshow wurde auch ein traditionelles Instrument aus Indonesien gespielt: Das Angklung ist jeweils auf eine bestimmte Note bzw. einen Akkord gestimmt.

Zweiter Anlauf: Antäuschen und Wegducken

Am nächsten Abend sollte das Gäste-Cabaret nachgeholt werden. Doch das Wetter hatte sich nicht beruhigt. Im Gegenteil. Der Seegang war sogar noch heftiger geworden. Also passierte Folgendes (Improvisation ist eine hohe Kunst!): Der Kreuzfahrtdirektor ermunterte Gäste mit entsprechendem Talent, sich spontan zu melden und eine wie auch immer geartete musikalische Darbietung aus dem Ärmel zu schütteln (was übrigens tatsächlich klappte, und das gar nicht mal schlecht!). Diese Nummern würden dann in das bestehende Programm eingegliedert – als Ersatz für die beiden tänzerischen Elemente, von denen eines unser Line Dance war. Diesmal atmete ich nicht nur auf, sondern strich unseren Auftritt insgeheim aus dem Kopf. Das würde nun sicher nichts mehr werden… War aber auch halb so wild.

Dritter Anlauf: Überraschungsmoment

Zwei Tage später durchquerten wir den Panamakanal – mein absolutes Highlight dieser Reise. Ich war schon sehr früh auf den Beinen, damit mir ja nichts entging. Das Tagesprogramm hatte ich ausnahmsweise mal nicht studiert. War ja auch unwichtig. PANAMAKANAL, ALTER! Mehr gab‘s da nicht zu wissen!

Abends war ich glücklich, aber auch echt durch, denn es war heiß gewesen, und ich hatte müde Beine vom vielen Stehen. Ich freute mich auf einen erfrischenden Aperitif, wollte in die untergehende Sonne gucken. Vorher noch schnell unter die Dusche. Als ich mich abtrocknete, hörte ich die Stimme des Kreuzfahrtdirektors durch die Kabinenlautsprecher: Wie schön es sei, vor dem Abendessen nun endlich die bislang ausgefallenen Tanznummern sehen zu dürfen…

Mich traf der Schlag. In nicht mal einer Stunde sollte ich tanzen, mit schlappen Füßen und einem Kopf voller Panamakanal?? Die Choreographie hatte ich gerade gründlich rausgeschleust! Ich griff nach dem Tagesprogramm. Tatsächlich, stand sogar drin, ganz unten auf Seite 2. Fast hätte ich es verpasst. Das wäre es noch gewesen: Reihe 1 Mitte hätte dann ohne schwänzelnde Line-Dance-Biene dagestanden. Wie peinlich!

Und was lernen wir daraus? Immer schön bei den Durchsagen zuhören! Das macht das Leben an Bord bedeutend einfacher.

Line Dance beim Gäste-Cabaret. Auch das gehört zum Leben an Bord.
Das Beweisfoto vom Auftritt. Ich bin die Dritte von links. Hat alles super geklappt!

Die Besten zum Schluss

Von den Amateuren muss ich noch einmal den Bogen zu den Showprofis schlagen, und dann soll es auch gut sein. Aber ich merke, wie schön es war, durch diesen Text das Leben an Bord noch einmal Revue passieren zu lassen. Beim Blättern durch die Tagesprogramme, die ich aufgehoben habe, poppten viele Erinnerungen auf und ich stelle fest: Zumindest, was die bleibenden Eindrücke betrifft, war diese Kreuzfahrt sehr nachhaltig…

Und so schließe ich mit einem kleinen Shoutout an zwei Damen aus dem wunderbaren Showensemble, die mich besonders beeindruckt haben. Die eine ist zugleich mein fröhlicher Tanzcoach Maria Moncheva, die an Tüchern, Ringen oder anderen Dingen schwebend akrobatische Höchstleistungen vollbrachte und ihren durchtrainierten Körper spielerisch in die wahnwitzigsten Positionen bog. Liebe Maria, wenn du das hier liest: Mich interessiert immer noch, wie du auf dem überdimensionierten Stuhl in einem deiner Instagram-Bilder ganz ohne Kran in den Spagat gekommen bist und ohne Zerrung und Gehirnerschütterung wieder runter!

Und dann Anne Becker, die mit ihrem Sopran mühelos zwischen Klassik, Musical und Chanson hin und her schaltete. Ihr Soloprogramm mit Liedern aus Filmen der 20er bis 40er Jahre war nicht nur richtig schön, sondern für mich als späte, wacker übende Gesangsschülerin mit latenter Zungen- und Kieferspannung auch wahnsinnig interessant… und irgendwie frustrierend und motivierend zugleich.

Anne Becker bei ihrer Soloshow auf der MS Albatros.
Anne Becker bei ihrer Soloshow. Wow!

Da saß einfach jeder Ton, ohne dass dabei die Emotion auf der Strecke geblieben wäre und ja, liebe Anne, ich gebe es zu: Ich habe ganz genau zugeguckt und hingelauscht! Technik und Stilmittel. Atem. Stütze. Wo liegt die Zunge, wie verschieben sich die Vokale im Verhältnis zur Intensität. Was macht der Kiefer und wie schaffst du es, den so ruhig und entspannt zu halten? Und wieso ZUM KUCKUCK sieht das überhaupt alles so verdammt leicht aus?!

Harte Arbeit, Tini, harte Arbeit. Liebe, Begeisterung und Talent.

Wie beim Schreiben…

FORTSETZUNG FOLGT!

*Das halbe Buch, das ich geschafft habe, war übrigens vom wunderbaren Wladimir Kaminer und heißt Die Kreuzfahrer. Nicht nur passend, sondern auch sehr zu empfehlen!

Jedem sein Talent

Falls Sie sich jetzt denken, die Tini würde gerne wie Anne singen, aber ich würde gerne wie Tini schreiben, dann hab‘ ich gute Nachrichten: Manchmal darf man sich auch einfach im Sessel zurücklehnen und die Show genießen – das ist beim Leben an Bord nicht anders als im „richtigen Leben“. Sie möchten, dass ich für Sie das Storytelling übernehme, während Sie Ihrem ganz eigenen Talent nachgehen und sich auf das konzentrieren, was Sie gut können? Dann sprechen Sie mich an oder vereinbaren ein kostenloses und unverbindliches Erstgespräch.

Wenn Sie es sich nicht nehmen lassen und trotzdem noch eine Kleinigkeit selbst schreiben wollen, wie wäre es dann mit einem Kommentar? Ich freue mich über Feedback!

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